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Warum brauchen wir Schönheit in unserem Leben

Um der Frage nachzugehen müssen wir zuallererst definieren, was Schönheit ist. Wir finden sie überall – in Natur, Kunst, Musik, Literatur aber auch in Menschen selbst. In der Natur finden wir Landschaften, Pflanzen und Tiere, bei deren Schönheit wir uns überwältigt fühlen. Ein Beobachter ist jedoch erforderlich, um festzustellen, ob Schönheit vorliegt. Die Natur ist an sich nicht nur schön. Natur ist Geburt und Tod. Es gibt Aspekte der Natur, die für den Menschen furchterregend und manchmal abstoßend sind. Der Schwerpunkt liegt auf “für uns”. Durch unsere Sinne, besonders durch unsere Augen, nehmen wir wahr, was schön ist und was nicht. Der Mensch kann sich von der Natur inspirieren lassen. Um dies tun zu können, braucht er Spiritualität, um das Bedürfnis nach Kreativität zu verspüren. Das liegt jenseits der Natur. Dies ist die “höhere” Ordnung des Lebens. Etwas, das wir erfahren, während wir mehr über uns und die Welt, die uns umgibt herausfinden.

Es gibt Misserfolge, Leid und Herausforderungen im Leben, aber auch Freude und das Streben nach etwas Besserem, etwas Wichtigerem, Idealem. Kreativen Ausdruck finden wir nur, wenn wir die Eindrücke unserer Umgebung aufnehmen und mit unserer Seele verbinden. Beim Erschaffen eines Gemäldes drückt der Künstler die Welt so aus, wie er sie erlebt. Er hat das Gemälde nicht nur für sich selbst gemalt. Er möchte seine Vision teilen. Wir als Betrachter spüren die Schönheit, die der Künstler teilen wollte oder wir spüren sie nicht. Bei der Musik ist das nicht anders. Die harmonischen Muster sind in mehreren Ebenen aufgebaut und überlagert – manchmal mit verschiedenen Instrumenten, manchmal mit menschlicher Stimme. Wir können immer wieder dieselben Lieder oder Instrumentalstücke hören. Musik erfüllt uns mit Ehrfurcht. Sie verbindet uns mit Harmonie und Schönheit.

Aber warum brauchen wir Schönheit?

Vielleicht können wir die Frage beantworten, wenn wir uns anschauen was passiert, wenn wir keine Schönheit in unserem Leben haben. Es gibt ein berühmtes Zitat von Oscar Wilde:

„Nichts ist wirklich schön, wenn es nicht nutzlos ist; alles Nützliche ist hässlich, denn es drückt ein Bedürfnis aus “

Da ist etwas Wahres dran. Was können wir mit einem schönen Gemälde anderes tun, als es an die Wand zu hängen und zu bewundern oder mit schöner Musik anderes tun, als sie anzuhören?

Kein Wunder, dass Kunst vor allem in dystopischen Büchern oder Filmen verboten ist, da sie dort keinen Nutzen hat. Es ist nicht praktisch oder zweckmäßig, Zeit für Kunst zu verbringen, wenn das Regime Menschen zum Zwecke der Arbeitskraft in der Gemeinschaft braucht. Im Buch ‘1984’ brach der Hauptcharakter Winston die Regeln, indem er ein Tagebuch und ein nutzloses Dekorglas mit eingebetteten Korallen kaufte. Dies war der Beginn seines Widerstands gegen das unterdrückende Regime. Dasselbe passiert mit dem Protagonisten in dem von Christian Bale porträtierten Film ‘Equilibrium’. Nachdem er die Emotionsunterdrückungsdroge nicht mehr verwendet, beginnt er, Schönheit zu erleben. Nachdem er sich die neunte Symphonie von Beethoven angehört hat, ist er so überwältigt, dass er anfängt zu weinen.

In der Menschheitsgeschichte erlebten wir – meist in totalitären Regimen – ähnliche Muster. Eines der dunkelsten Kapitel des 20. Jahrhunderts, alle Formen des totalitären Regimes – rechts sowie links, verfolgte Wissenschaft und Kunst. Populäre fiktive Bücher und sogar wissenschaftliche Literatur wurden entweder durch Propaganda ersetzt oder so weit “korrigiert”, dass sie zu den Ideologien der jeweiligen Partei passten. Nur Kunst, die die Ideale des Regimes widerspiegelte, war akzeptabel. Bücher wurden während der Inquisition verbrannt, die große Bibliothek von Alexandria ging im Lauf der Geschichte mehrmals in Flammen auf, und die Bibliotheken von Konstantinopel, Bagdad sowie der US-Kongress hatten dasselbe Schicksal. Das Hauptziel war es, die Kultur des besetzten Landes zu zerstören. In unserer Zeit zerstörte ISIS die antiken Ruinen von Palmyra. Aber was wollen Radikale und Ideologen eigentlich zerstören? Vielleicht hat der deutsche Dichter Heinrich Heine darauf eine Antwort bekommen. Er schrieb in seiner Tragödie ‘Almansor’ (hlink) von 1823:

„Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

Wir erlebten die Richtigkeit seiner Behauptung, die für seine Zeitgenossen wahrscheinlich übertrieben klang. Die Zensur von kreativen Ideen, Vorträgen oder auch Gedanken ist ein Warnzeichen. Wenn Menschen nicht kreativ sein dürfen oder unsere Affinität zur Schönheit von Angst überschattet wird, geraten wir ins Elend und Chaos. Aber gleichzeitig erlebten die Menschen auch in den dunkelsten Momenten Formen von Schönheit. Viktor E. Frankl beschreibt in seinem Buch „Trotzdem ja zum Leben sagen“, (link) dass er und andere Häftlinge im Konzentrationslager oft ein intensiveres Gefühl für die Schönheit der Natur empfunden haben. In all ihrem Elend und Leid nahmen sie sich Zeit, um den Sonnenuntergang zu bewundern, sie bewunderten die Aussicht auf die Salzburger Schieferalpen, als sie von Auschwitz nach Dachau transportiert wurden. Frankl sagte, dass er während seiner Gefangenschaft wahre menschliche Schönheit erlebte. Menschen, die in einer so schrecklichen Zeit ihre Menschlichkeit nicht verloren haben. Er fand diese Menschlichkiet auf allen Seiten. Manchmal war ein Mitgefangener großzügig, manchmal ein Wächter.

Der große russische Schriftsteller Alexander Issajewitsch Solschenizyn war nicht nur besorgt über sein körperliches Überleben der Gulag-Zwangsarbeitslager, sondern auch über seine transzendente Integrität, sein Gewissen. Sein Ziel war es, über seine Erfahrungen im Gulag zu schreiben, vorausgesetzt er überlebt das Geschehene. Er lernte Tausende von Textzeilen auswendig und wiederholte sie jahrelang Tag für Tag. Er war Zeuge anderer Insassen, die inmitten des Chaos und Elends, das sie umgab, Gedichte rezitierten oder philosophische Diskussionen führten. Die religiösen Überzeugungen einiger Menschen wurden im Lager stärker und manche fanden während ihres Leidens zu ihrer Spiritualität.

Kreative Werke wurden oft von religiösen Mythen inspiriert. Die Meisterwerke von Michelangelo oder Leonardo da Vinci, Goethe oder Dante, Bach oder Pergolesi haben ihren Ursprung in der Bibel. Pyramiden, Obelisken, Tempel, Kirchen, Kathedralen und Totems zeugen von unserer Verbindung zum Transzendenten und sind auf der ganzen Welt zu finden. Das sind Symbole menschlicher Leistung, des Streben nach etwas Höherem, die Verbindung zu einer kreativen Quelle jenseits des menschlichen Verstehens. Manche nennen es Gott. Schönheit – im religiösen Sinne – kann als ein Gefühl der Nähe zu Gott beschrieben werden.

Als Individuen, die Geist und Materie miteinander verbinden, versuchen wir, die Kluft zwischen Mutter Erde und Gott dem Vater zu überbrücken. Durch den Kampf zwischen den beiden sind wir in der Lage, aus unserem Inneren etwas zu erschaffen und es in die äußere, materielle Welt zu reflektieren. Wir haben die Fähigkeit, etwas zu nehmen, was zuerst nur in unserem Kopf existierte um es dann in die Wirklichkeit zu übertragen. Nicht unbedingt etwas aus dem Nichts, sicherlich ein kleiner Schritt für einen Gott, aber fast ein Wunder für nur einen Primaten.

Schönheit. Wir können nicht wirklich beschreiben, was sie ist oder warum wir sie brauchen. Aber Schönheit ist etwas. Sie macht uns besser. Sie hilft uns, höhere Ziele zu finden.

Schönheit rettet die Welt.

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Anmerkung: Das Titelbild zeigt Raffaels Sixtinische Madonna aus dem Jahr 1512. Dostojewski sah das Original in Dresden, wo das Gemälde bis heute ausgestellt ist. Er beschreibt die Madonna in mehreren seiner Bücher und er hat sich auch eine Replika für sein Arbeitszimmer geholt. Für ihn war das Gemälde “die größte Offenbarung des menschlichen Geistes”.

Ein Kommentar

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